„Die Leute mit lüsternen Stimmen unterhalten?” Klang und Glaube im spätmittelalterlichen England

Musik durchdringt heute den gesellschaftlichen Alltag wie niemals zuvor. Spotify & Co. haben den Zugang zu Musik stark vereinfacht. Je weiter man aber in der Geschichte zurückgeht, desto mehr Aufwand erforderten musikalische Erlebnisse. Weniger bedeutungsvoll waren sie deshalb aber nicht. Gerade das Mittelalter gilt als eine Zeit, in der Hörerfahrungen für eine weitgehend schriftferne Bevölkerung einen Zugang zur Welt boten. Thomas Kaal untersucht am DHI London, was uns Debatten über Kirchenmusik über die Bedeutung des Akustischen im Spätmittelalter verraten.


1415 verfasste ein anonymer Autor in England eine Streitschrift mit dem Titel „Laterne des Lichts“ (Lanterne of Light). Darin warnte er vor der zunehmend prachtvollen Kirchenmusik, die sich seit dem Hochmittelalter in ganz Europa etabliert hatte – Orgeln, Glocken und der mitunter sogar mehrstimmige liturgische Gesang, der in Prozessionen weit über Kloster- und Kirchenmauern hinausgetragen wurde. All das lenke die Gläubigen vom wahren Gehalt der Predigt ab. Gesang fülle die Luft bestenfalls mit einem bloßen „Windhauch“ (puff of wynde) – schlimmstenfalls aber mit „lüsternen Stimmen“ (likerous voices), die zwar die Leute gut unterhielten, letztendlich aber das Werk des Teufels täten. Der Autor der Streitschrift gehörte zur Bewegung der sogenannten Lollarden, die sich im Gefolge des Oxforder Gelehrten John Wyclif für eine Reform einer vermeintlich dekadenten Kirche einsetzte und eine von weltlichen Eitelkeiten befreite religiöse Praxis forderte. Gegen diese Kritik formierte sich erwartungsgemäß Widerstand, der die persönliche und gemeinschaftliche Bedeutung von Musik im religiösen Leben hervorhob. Die Kontroverse zeigt anschaulich: Fragen nach dem Stellenwert und dem richtigen Umgang mit Klang und Musik waren für die Menschen des Mittelalters keine Selbstverständlichkeit, sondern Gegenstand theologischer, kultureller und sozialer Auseinandersetzungen.

Glauben als körperliche Erfahrung

Mein Forschungsprojekt nimmt die von den Lollarden ausgelösten Debatten über Musik zum Anlass, neu nach der Rolle des Akustischen in spätmittelalterlicher Religiosität zu fragen. Dieser Ansatz ist motiviert durch einen Perspektivenwechsel, der sich in der sozialhistorisch arbeitenden Religionswissenschaft vollzogen hat. „Glaube“ wird hier nicht mehr vorrangig als theologische Kategorie oder abstrakt-kognitive Zustimmung zu bestimmten Lehrpositionen verstanden, sondern als gelebte, körperliche und emotionale Praxis. Glauben ist in diesem Sinne etwas, das Menschen in konkreten Situationen taten, erlebten und fühlten – ein historisch kontingentes Phänomen, das maßgeblich durch soziale Einbindung und kulturelle Prägung bestimmt wurde.

Klang und Musik bieten dabei einen besonders aufschlussreichen Zugang. Denn Musik ist sowohl körperlich als auch situativ: Sie entfaltet ihre Wirkung im Moment des Hörens, berührt Emotionen und prägt Erinnerungen, ohne sich festhalten zu lassen. Welche Bedeutung wurde ihr also im religiösen Leben zugemessen? Klar ist: In einer Zeit weitverbreiteter Schriftunkenntnis hörten die meisten Menschen das Glaubensbekenntnis, anstatt es zu lesen – gesungen von Priestern und Mönchen während der Messe. Mein Projekt geht der Verbindung zwischen Religiosität und Musik auf zwei Ebenen nach: Ich untersuche auf einer lebensweltlichen Ebene, welche Klänge die religiöse Kultur im England des 14. und 15. Jahrhunderts prägten und wie unterschiedlich die Menschen mit ihnen umgingen. Auf einer diskursiven Ebene frage ich, wie Autorinnen und Autoren der Zeit in ihren Werken über den richtigen und falschen Umgang mit Klang debattierten.

Welchen Klängen begegneten Menschen um 1400?

Für die lebensweltliche Untersuchungsebene haben sich insbesondere Visitationsprotokolle von Klöstern und Pfarrkirchen sowie Kirchenbücher (Churchwardens‘ Accounts) als ergiebige Quellen erwiesen. Sie liefern konkrete Einblicke in das akustische Leben im spätmittelalterlichen England: Sie verzeichnen die Anschaffung von Orgeln und Glocken, die Einstellung professioneller Sängerinnen und Sänger, aber auch Klagen über lieblos heruntergesungene Messen, bellende Hunde im Kirchenschiff oder das immer wieder thematisierte Geschwätz der Gemeinde, das die Predigt unverständlich mache. Gerichtsakten und narrative Quellen ergänzen dieses Bild. Sie zeigen: Religiöse Andacht war keineswegs die einzige mögliche Reaktion auf Klang. Manche Zeitgenossen waren von Kirchenglocken schlicht genervt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt daneben den erhaltenen englischen Handschriften mit liturgischer Notation. Diese Quellen löse ich aus ihrem rein musikwissenschaftlichen Kontext heraus und mache sie für die Religions- und Sozialgeschichte fruchtbar. Vielleicht spiegelt sich in ihnen sogar die Lollardenkontroverse selbst: Die englische Kirchenmusik wandte sich im 15. Jahrhundert einem klareren, weniger dissonanten Stil zu – der sogenannten contenance angloise, die dann auch auf dem Kontinent berühmt wurde.

Klang, Geschlecht und soziale Zugehörigkeit

Die diskursive Ebene wird anhand von Quellen untersucht, die von den polemischen Streitschriften der Lollarden bis zu den Texten von Mystikerinnen und Mystikern wie Richard Rolle oder Margery Kempe reichen. Die Debatten über religiösen Klang erweisen sich dabei als durchgängig von Geschlechterfragen durchzogen: Sinnliche Empfänglichkeit für Musik wurde von vielen Autoren als Zeichen „weibischer Gefühligkeit“ konstruiert; ein allzu kunstvolles Singen männlicher Kleriker wurde als unziemlich feminin gerügt. Umgekehrt verteidigten andere gerade die affektive Berührbarkeit durch Klang als besonders tiefe Form religiösen Erlebens von Frauen wie Männern. Die Frage, wessen akustische Erfahrungen als legitimer Ausdruck von Glauben anerkannt wurden, war damit immer auch eine Frage sozialer Zugehörigkeit.

Hören im Zeitalter des Glaubens

In historiographischer Perspektive berührt das Projekt die nach wie vor populäre Gegenüberstellung einer sinnlich geprägten mittelalterlichen Religiosität und einer intellektualisierten Reformation. So erweisen sich die lollardischen Reformer des 14. und 15. Jahrhunderts in ihrer Ablehnung religiöser Klangpracht als deutlich radikaler als die späteren protestantischen Reformatoren im England der Tudorzeit. Es scheint daher lohnend zu fragen, inwieweit das verbreitete Bild vom „gläubig lauschenden Mittelalter“ nicht vor allem eine spätere Projektion ist – konstruiert in der Selbstvergewisserung einer skeptisch schauenden Moderne.

Weitere Beiträge zum Thema "Kulturelles Erbe und Erinnerung"