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Sowjetische Kriegsgefangene – Ein internationales Recherche- und Dokumentationsprojekt

Dr. Esther Meier

Während des Zweiten Weltkriegs gerieten bis zu 5,7 Millionen sowjetische Militärangehörige – Männer und Frauen – in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mehr als drei Millionen starben an den unmenschlichen Bedingungen der Gefangenschaft oder wurden ermordet. Das Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene“ klärt ihre Schicksale, erschließt neue Archivdokumente und erinnert an eines der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Zum 1. Januar 2026 übernahmen die Arolsen Archives die Trägerschaft des Projekts.


Die Namen vieler sowjetischer Kriegsgefangener sind bis heute nicht bekannt. Das Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene “ schließt diese Leerstelle und führt in Teilen Arbeiten der Stiftung Sächsische Gedenkstätten fort. Aufgabe ist es, die individuellen Lebenswege der sowjetischen Kriegsgefangenen nachzuzeichnen und die entsprechenden Archivdokumente und Daten für die humanitäre Schicksalsklärung, die Forschung sowie erinnerungskulturelle Aktivitäten zugänglich zu machen.

Archivarbeit zu sowjetischen Kriegsgefangenen

Der Großteil der personenbezogenen Dokumente zu sowjetischen Kriegsgefangenen befindet sich heute in den Archiven der Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Dies gilt auch für die Wehrmachtsdokumente. Sie wurden im und nach dem Krieg nicht vollständig, jedoch in großem Umfang in die Sowjetunion verbracht. Das Max Weber Netzwerk Osteuropa führt im Rahmen des Projekts die Archivrecherchen zu den sowjetischen Kriegsgefangenen durch und war bis 2025 für die Erfassung der personenbezogenen Daten zuständig.

Die Schicksale der sowjetischen Kriegsgefangenen können nur in internationaler Zusammenarbeit geklärt werden. Der Arbeitsschwerpunkt liegt aktuell in der Ukraine. Durch Digitalisierung trägt das Projekt auch zur Rettung von Archivgut bei, das durch die russischen Angriffe von Zerstörung bedroht ist. Projektarbeiten fanden in Deutschland, Russland, Lettland, Estland, Moldova, Kasachstan, Kirgistan, Serbien, Frankreich und der Schweiz statt. Nach dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 hat das Projekt alle Kooperationen in Russland ausgesetzt. Die Recherchen in mehreren anderen Ländern laufen weiter.

Zentrales Dokument zur Rekonstruktion der Gefangenenbiografien sind die Personalkarten I. Die Wehrmacht, die für die Kriegsgefangenen zuständig war, registrierte die Gefangenen in den Lagern und erfasste unter anderem Namen, Vornamen, Gefangenennummer, Lager, Beruf, Staatsangehörigkeit, Arbeitskommandos und Todesfälle.

 

Neben den deutschen Dokumenten erschließt das Projekt auch Quellen aus sowjetischer Provenienz. Die sowjetischen Kriegsgefangenen, die die deutschen Lager überlebt hatten, waren mit dem kollektiven Vorwurf des Verrats konfrontiert und wurden von den Sicherheitsdiensten der UdSSR überprüft. Fragebögen, Verhöre und Zeugenaussagen aus diesem Vorgang sind in den sogenannten Filtrationsakten überliefert. Das Projekt dokumentiert auf der Grundlage der „Filtrationsakten“ und weiterer Dokumente auch die Nachkriegsbiografien der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Auch Akten aus britischer und US-amerikanischer Provenienz, die im Bundesarchiv aufbewahrt werden, liegen als Digitalisate vor. Hierbei handelt es sich um Dokumente zu ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in den Dienst der Wehrmacht oder der SS getreten waren.

Datenbank 

Die gesichteten Dokumente werden digitalisiert und indexiert: Namen, Geburtsdatum, Ort der Gefangennahme und weitere Daten der Kriegsgefangenen werden erfasst. Die personenbezogenen Daten und die Digitalisate fließen in die Projektdatenbank ein, die sich aufgrund der neuen Trägerschaft durch die Arolsen Archives aktuell in der Umstrukturierung befindet.

Projektstruktur
Die Trägerschaft des Projekts liegt seit dem 1. Januar 2026 bei den Arolsen Archives, dem weltweit größten Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlungen der Arolsen Archives sind Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Projektpartner sind das Bundesarchiv der Bundesrepublik Deutschland, die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.  Das Max Weber Netzwerk kooperiert mit zahlreichen Archiven und Forschungseinrichtungen.


Projektteam: Dr. Esther Meier (Wissenschaftliche Projektleitung), Dr. Dmitri Stratievski, Sebastian Kindler, Esther Lösse, Khatuna Kopaleishvili


Weitere Informationen
projekt.kriegsgefangene(at)mws-osteuropa.org

Auskünfte zu sowjetischen Kriegsgefangenen für Angehörige erteilt das Bundesarchiv

Gefördert durch:

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