Wie äußerten sozial benachteiligte Gruppen im Osmanischen Reich Kritik an Missständen? Zeynep Tezer untersucht am OI Istanbul anhand literarischer, biographischer und archivalischer Quellen, wie marginalisierte Akteur:innen ihre Unzufriedenheit artikulierten und politische Umbrüche begleiteten.
Das 16. und 17. Jahrhundert waren im Osmanischen Reich von tiefgreifenden Krisen geprägt. Nach der territorialen Expansion rückten Grenzsicherung, Steuerregulierung und Zentralisierung in den Vordergrund, wurden jedoch durch anhaltende Kriege und die Währungsentwertung erschwert. Zunehmende Korruption unter Amtsträgern begünstigte übermäßige Steuerabgaben und verstärkte die Unterdrückung der Bevölkerung. Häufige Aufstände der Janitscharen, einer Elitetruppe der Armee, sowie gewaltsame und großflächige soziale Unruhen waren die Folge.
Diese Probleme werden vor allem in zeitgenössischen Fürstenspiegeln und Gerichtsregistern erwähnt. Jedoch reflektieren diese Quellen unterschiedliche Wahrnehmungen: Die Fürstenspiegel stellen die als korrupt empfundene Gegenwart einer idealisierten Vergangenheit gegenüber, während die Gerichtsregister die Stimme der Betroffenen stark verzerren. Doch die Menschen nutzten diverse Instrumente, um ihren Unmut und ihre Kritik zu äußern. Nur durch die Einbeziehung bisher weniger beachteter Quellen, zum Beispiel von marginalisierten Personengruppen, lässt sich ein umfassendes Bild gesellschaftlicher Unzufriedenheit gewinnen.
Ein verarmter Kavallerist
Bis zum späten 16. Jahrhundert finanzierten die Kavalleristen (sipāhī) sich selbst sowie ihre Truppen mit den Steuereinnahmen aus ihren nicht-erblichen Lehen (tīmār). Jedoch machten Währungsabwertungen infolge des Silberzuflusses, Bevölkerungsverschiebungen durch Aufstände sowie militärtechnologische Veränderungen die strukturellen Schwächen dieses Systems zunehmend sichtbar. Die Delegierung der Steuererhebung an Mittelsmänner, die zeitaufwendige Umwandlung von Naturalabgaben in Bargeld sowie die häufige Angewiesenheit auf Staatskredite versetzten die Sipāhīs in eine wirtschaftlich instabile Lage. Vor diesem Hintergrund erschien die Umstellung auf Steuerpacht (iltizām) für den Staat attraktiver, war jedoch für die Sipāhīs nicht nur mit dem Verlust ihrer Einkommensbasis, sondern auch mit dem ihrer einst prestigeträchtigen militärischen und sozialen Stellung verbunden. Die folgenden Verse beschreiben, wie einen Sipāhī die von ihm erlebten Schwierigkeiten beschäftigen. Am Anfang des Gedichts klagt er über die Steuererhebung bei einer bereits verarmten Bevölkerung:
Die Mühe, Staatsgelder einzutreiben, raubte meinem Herzen den Frieden,
meine Gedanken meines Geistes sind völlig zerstreut.
In einem weiteren Vers entlarvt der Dichter den Reichtum des Sultans als bloßen Schein:
Dein Gold in den Schatzkammern der Welt ist nur Alchemie,
O Quell aller Gnaden – es hat keine Gestalt außer dem Namen.
Er schildert, dass die verarmten Sipāhīs die Steuerboten meiden und ihre Lehen längst verlassen haben. Auch der Autor möchte nicht länger diesen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sein und beendet das Gedicht mit der Bitte, als Bote am kaiserlichen Hof angestellt zu werden—eine Position, die regelmäßiges Gehalt, höheres Prestige und bessere Aufstiegschancen als in der Provinz bot, die zunehmend zur Abschiebung missliebiger Zentralbeamter genutzt wurde.
Ein wütender Mufti
Nicht nur verarmte Kavalleristen übten Kritik an den Entwicklungen. Auch lokale religiose und juristische Führungspersönlichkeiten hielten mit ihrem Missfallen gegenüber den Gegebenheiten nicht hinterm Berg: Pīr Meḥmed war ein Mufti, der zum Anfang des 17. Jahrhunderts auf dem Balkan tätig war. Er kritisierte in einem Rechtsgutachten (fetva) den Machtmissbrauch eines Provinzgouverneurs, der einen Unschuldigen nicht freiließ. In der fetva forderte Pīr Meḥmed nicht nur dessen Amtsenthebung, sondern entwarf drastische imaginäre Strafen, die den ungerechten Beamten im Jenseits befallen sollten:
„Doch im Jenseits, wenn ihm ein großes Banner in den Hintern gestoßen wird, und die Engel, die alles von oben bezeugen, rufen: ‚Der Fluch Allahs sei über den Ungerechten‘, wird er auf diese Weise vollkommen entehrt. Danach, wenn er kopfüber in den Abgrund der Hölle geworfen wird und sich zu den Heuchlern in deren unterster Stufe gesellt, wird er endlich begreifen, dass keine Strafe für seine Tat ausreichen kann.“
Die polemische Sprache Pīr Meḥmeds zeigt, dass er nicht nur seine Prinzipien und moralische Überzeugungen, sondern auch Humor und Schmähung als Formen sozialer Kommentierung einsetzte. Erwähnenswert ist auch die Bemerkung seines Biographen, wonach Pīr Meḥmed aus einem seiner früheren Ämter wegen eines unangebrachten Witzes über die männliche Impotenz entlassen worden sei.
Ertappt: Korruption und Prostitution
Während die beiden beispielhaft genannten männlichen Akteure gewisse Handlungsspielräume hatten, ihre Kritik zu äußern, waren die Möglichkeiten der Kritikäußerung für Frauen einerseits eingeschränkter aber dafür auch gewissermaßen kreativer. Staat und Tradition stellten Frauen oft als einheitlich moralisch regulierte Gruppe dar, während soziale Veränderungen ihre vielfältigen Lebenslagen sichtbar machten. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts gewannen besonders die Hoffrauen politische Macht, während Kriege bei den unteren Schichten zu instabilen Familien und prekären Lebenssituationen führten. Die männliche Elite reagierte mit moralischen Schriften zur Stärkung patriarchaler Strukturen, während staatliche Quellen vermehrt weibliche Kriminalität dokumentierten. In diesem Spannungsfeld lieferte die auffällige Präsenz von Prostituierten im öffentlichen Leben besonderen Nährstoff für die belebte Diskussion über die Definition der sozialen Frauenrolle und die Unterbindung ihrer Loslösung von den moralischen Normen.
Laut einem Gerichtsregister aus dem Jahr 1565 wurden fünf Prostituierte in Istanbul vor Gericht geladen, erschienen jedoch nicht. Als die prominenten Männer der Gemeinde, darunter religiöse Figuren und Sicherheitskräfte, eine der Prostituierten unter Zwang festhielten, schimpfte sie: „Zum Teufel mit eurem Imam, eurem Richter und eurem religiösen Gesetz!“ Die übrigen Frauen wurden aus der Stadt verwiesen. Kurz darauf wurde bekannt, dass der Polizeichef der inhaftierten Frau zur Flucht verholfen und ihr nachts Kunden zugeführt habe, was die Verwicklung lokaler Sicherheitskräfte in die Prostitutionsnetzwerke belegt.
Die Erfahrungen dieser fünf Sexarbeiterinnen wurden in einer Erzählung aus dem 17. Jahrhundert aufgegriffen. In der Handlung sind sie im fortgeschrittenen Alter und lassen in witzigen Dialogen ihre früheren Liebesabenteuer Revue passieren. Währenddessen stürzt der junge Ehemann einer der Frauen – bei der sich die Gruppe versammelt hat – infolge eines Missgeschicks gemeinsam mit dem Dienstmädchen, mit dem er eine Affäre führt, in den Raum, wodurch seine Untreue entblößt wird.
Obwohl ihre Tätigkeit üblicherweise nicht mit Moral in Verbindung steht, werden die Sexarbeiterinnen in der Erzählung in eine quasi-moralische Rolle versetzt, indem sie den Ehebruch verurteilen. Dies deutet darauf hin, dass sie durch ihren Widerstand gegen staatliche Autoritäten etwa achtzig Jahre vor der Erzählung in der kollektiven Erinnerung mit Ansehen und Autorität assoziiert wurden. Zweitens zeigt die Besetzung der Erzählung, dass die intellektuellen Eliten der Zeit, die solche Texte produzierten und rezipierten, ein wachsendes Interesse an den Randbereichen der Gesellschaft entwickelten.
Drei Beispiele, eine Perspektive
Diese Kritikbeispiele, die sich in Gedichten, Erzählungen und formellen Zeugnissen äußern, zeigen Individuen, die ihre Position in einer Zeit struktureller Umbrüche neu definierten. Der Sipahi kritisierte den Wegfall des Lehensystems und passte sich zugleich neuen sozialen Aufstiegsregeln an. Der Mufti setzte seine moralische Autorität ein, um staatliche Willkür zu kritisieren. Sexarbeiterinnen entlarvten durch ihren Widerstand die patriarchale Heuchelei religiöser und staatlicher Akteure. Durch die Betrachtung politischer und sozialer Kommentare diverser Bevölkerungsgruppen eröffnet Zeynep Tezers Studie neue Perspektiven auf Herrschaft, Legitimität und soziale Räume der Kritik im Osmanischen Reich.
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