Unberührter Wissensschatz: Ein Projekt zur Erschließung der osmanischen Handschriften der Athos-Klöster

Dr. Richard Wittmann

Ausschließlich Männern zugänglich, seit über tausend Jahren autonom und nur per Boot erreichbar - der Heilige Berg Athos ist eine Welt für sich. In seinen Klöstern bewahren orthodoxe Mönche ein einzigartiges Archiv. Hier lagern unter anderem zehntausende osmanische Handschriften vom 14. bis ins 20. Jahrhundert, die der Forschung bislang weitgehend verschlossen blieben. Das Langzeitprojekt Manuscripta Ottomanica montis Athonis (MOmA) des Orient-Institut Istanbul will das ändern. Die Erschließung ist komplex: Hunderttausende handschriftliche Seiten, die nur wenige Fachleute sicher entziffern können. Wie wird daraus ein Bestand, der Forschung und Öffentlichkeit offensteht?


Stellen Sie sich einen Ort vor, den man nur per Boot erreicht. Einen Ort, den man nur mit einer Art Visum – dem sogenannten Diamonitirion – für höchstens drei Tage besuchen kann. Einen Ort, an dem Mahlzeiten lediglich zweimal am Tag in Gemeinschaft eingenommen werden, kein Fleisch serviert wird, der Tagesrhythmus von Sonnenauf- und -untergang bestimmt wird, und Gäste unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung erhalten. Ein Ort mit unberührten Wäldern, jahrhundertealten Gemäuern, selbst gebackenem Brot, vor Ort angebautem Gemüse und Obst und einer spirituellen Lebensform, die sich bewusst von der beschleunigten Moderne abgrenzt.

Dieser Ort ist die Mönchsrepublik Berg Athos im Norden Griechenlands – eine autonome Klosterrepublik auf der östlichsten Halbinsel Chalkidikis. Seit über 1.100 Jahren bewahren die dort lebenden orthodoxen Mönche eine einzigartige Form geistlicher Selbstverwaltung. Trotz wechselnder politischer Rahmenbedingungen – byzantinischer Herrschaft, osmanischem Reich, griechischem Nationalstaat und selbst während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg – ist es dem Athos immer wieder gelungen, seine Autonomie zu behaupten. Gerade diese außergewöhnliche Kontinuität macht den Heiligen Berg zu einem der faszinierendsten Kulturorte Europas. Von Gesetzeswerken wie den byzantinischen Typika über osmanische Fermane bis hin zur Verankerung der Autonomie in der griechischen Verfassung von 1925/26: Die Mönche bewiesen über Jahrhunderte hinweg bemerkenswertes diplomatisches Geschick, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Selbst 1979, als Griechenland der Europäischen Gemeinschaft beitrat, wurde der Sonderstatus von Athos ausdrücklich bestätigt.

Diese außergewöhnliche politische Stabilität hatte weitreichende kulturelle Auswirkungen. Während große Teile Südosteuropas, wie ganz Europa, wiederholt von Kriegen, Zerstörungen und Vertreibungen erschüttert wurden, blieb Athos weitgehend verschont. Das Ergebnis ist eine einzigartige Konzentration an Kunst- und Kulturschätzen. Weltberühmte Ikonen, Fresken, Textilien und Handschriften aus dem gesamten östlichen Mittelmeerraum werden hier bewahrt. Besonders hervorzuheben sind jedoch die umfangreichen Archive der Klöster – unter den handschriftlichen Dokumenten in einer Vielzahl von Sprachen befinden sich auch zehntausende osmanische Dokumente vom 14. bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Genau hier setzt das neue Langzeitforschungsprojekt Manuscripta Ottomanica montis Athonis (MOmA) – Osmanische Handschriften des Berg Athos an, das am Orient-Institut Istanbul unter der Leitung von Dr. Richard Wittmann initiiert wurde. Ziel des Projekts ist die erstmalige systematische Erschließung, Digitalisierung und wissenschaftliche Katalogisierung der osmanischen Handschriftenbestände der Athos-Klöster.

Eine einmalige Chance für die Erforschung des östlichen Mittelmeerraums

Die Bedeutung dieser Quellen kann kaum überschätzt werden. Sie gewähren Einblicke in Rechtsfragen, Steuerangelegenheiten, Besitzverhältnisse und in das Zusammenleben von Christen und Muslimen im Osmanischen Reich vom 14. bis ins 20. Jahrhundert. Sie dokumentieren den besonderen Rechtsstatus der Athos-Mönche als nichtmuslimische Untertanen und eröffnen neue Perspektiven auf die Sozial- und Verwaltungsgeschichte des östlichen Mittelmeerraums.

Bereits in den 1930er Jahren formulierten Forscher den Traum, die osmanischen Dokumente vom Athos vollständig in einem wissenschaftlichen Gesamtkatalog zu erfassen. Bis heute blieb dies jedoch unerreicht – nicht zuletzt wegen des Mangels an ausreichend spezialisierten Osmanisten, die diese komplexen Handschriften lesen und transkribieren können.

Was sich in den letzten Jahren grundlegend verändert hat, ist die technologische Entwicklung im Bereich der computergestützten Handschriftenerkennung (Handwritten Text Recognition (HTR)). Moderne Verfahren erlauben es erstmals, handschriftliche Texte maschinell zu erkennen und zu transliterieren. Genau hier liegt die Vision von MOmA: die Entwicklung eines leistungsfähigen HTR-Tools speziell für osmanisch-türkische Handschriften.

Drei Projektbausteine

Das MOmA-Projekt umfasst drei zentrale Komponenten:

  1.  Digitalisierung: Erstellung hochauflösender Digitalisate der osmanischen Handschriften direkt auf dem Heiligen Berg. Hierdurch werden die Handschriftenbestände zum einen vor Beschädigung und Totalverlust durch Naturkatastrophen wie Feuer und den in der Region verbreiteten Erdbeben bewahrt; zum anderen bilden die Digitalisate die Grundlage für die digitale Texterkennung und Katalogerstellung.

  2.  Digitale Texterkennung: Entwicklung und Anwendung eines HTR-Systems zur automatischen Transliteration und Übersetzung der Dokumente in eine Vielzahl von Sprachen für die wissenschaftliche Forschung sowie den Gebrauch durch die Klöster selbst.

  3.  Wissenschaftlicher Gesamtkatalog: Aufbau eines sowohl gedruckten, aber vor allem digitalen Katalogs, der die einzigartigen osmanischen Bestände erstmals systematisch erschließt und eine nutzerorientierte flexible Durchsuchbarkeit ermöglicht. Hochauflösende digitale Scans der Handschriften werden dabei als wesentlicher Bestandteil des Kataloges erstmals allen interessierten Personen den Zugang ermöglichen, ungeachtet der weitreichenden Beschränkungen, die mit einem Besuch der Archive vor Ort auf dem Heiligen Berg verbunden wären. Es wird ein wichtiger Beitrag geleistet zur Förderung der Chancen- und Geschlechtergleichheit in der Wissenschaft: Während der Athos als traditionelle, monastische Gemeinschaft Männern vorbehalten ist, ermöglicht der digitale Gesamtkatalog ungeachtet von Zugangsbeschränkungen Frauen ebenso wie männlichen Forschenden das Studium der osmanischen Handschriften der Mönchsrepublik Athos.

Ein wesentlicher Partner bei der technischen Umsetzung ist die gemeinnützige Organisation FamilySearch, die ihre aus der Genealogieforschung stammende jahrzehntelange Erfahrung in der Digitalisierung historischer Bestände einbringt. Unter der wissenschaftlichen Begleitung internationaler Expertinnen und Experten wurde bereits seit 2024 beim MOmA-Projektpartner Binghamton University ein HTR-System für osmanische Texte aufgebaut, dessen Genauigkeit mittlerweile für spätosmanische Quellen über 80 Prozent erreicht hat (Stand: November 2025). Durch die Einbindung der äußerst vielfältigen Athos-Texte – unterschiedlicher Schriftarten, Schreiber und Textsorten – wird das System kontinuierlich weiterentwickelt und perfektioniert, so dass Handschriften früherer Jahrhunderte ebenfalls erschlossen werden können. Die Klösterarchive des Athos umfassen als größtes nicht-staatliches Archiv osmanische Texte unterschiedlichster Genres und eines außergewöhnlich langen zeitlichen Rahmens: in Teilen reichen sie bereits ein halbes Jahrhundert vor der Eroberung Konstantinopels als Hauptstadt des Osmanischen Reiches zurück, während die jüngsten Bestände aus dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stammen.

Langfristig soll das „Mount Athos HTR-Lesegerät für osmanische Handschriften” nicht nur dem MOmA-Projekt selbst dienen, sondern der internationalen Forschungsgemeinschaft als offenes digitales Werkzeug zur Verfügung stehen. Somit wird es einen entscheidenden Beitrag für die Erforschung der Geschichte des östlichen Mittelmeerraums leisten.

Internationale Kooperation und institutionelle Verankerung

MOmA ist als mehrjähriges, interdisziplinäres Kooperationsprojekt angelegt. Es wird in enger Abstimmung mit der Heiligen Gemeinschaft des Berges Athos durchgeführt, dem Exekutivorgan der zwanzig Großklöster. Ein gemeinsamer Lenkungsausschuss, bestehend aus Vertretern der Klöster und der Max Weber Stiftung, begleitet das Projekt. Ein international und interdisziplinär besetzter wissenschaftlicher Projektbeirat, bestehend aus Vertretern der universitären Kooperationspartner aus Griechenland, den USA, der Türkei und Deutschland, begleitet die Nachwuchswissenschaftler im Rahmen des Projekts. Durch das Einbringen von Fachkompetenzen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen gewährleistet der Beirat die wissenschaftliche Qualität des Forschungsvorhabens. Mit der Professur für Byzantinistik der Freien Universität Berlin wurde im August 2025 ein Kooperationsvertrag unterzeichnet, der seither unter anderem die Einrichtung zweier Projektstellen am Orient-Institut ermöglichte.

Entscheidende Schritte auf dem Heiligen Berg

Zwischen 2021 und 2025 fanden zahlreiche Arbeits- und Abstimmungstreffen auf Athos statt. Am 1. Mai 2025 wurde das Gesamtprojekt der Heiligen Gemeinschaft in Karyes offiziell vorgestellt und grundsätzlich bewilligt. In mehreren internationalen Workshops wurden seitdem Katalogisierungsstandards, Transliterationsfragen und technische HTR-Aspekte diskutiert und festgelegt.

Die Resonanz aus der Fachwelt ist außerordentlich positiv. Konferenzbeiträge in Deutschland, Griechenland, der Türkei und den USA sowie erste Publikationen dokumentieren das wachsende Interesse an diesem einzigartigen Quellenkorpus.

Ein Projekt von historischer Tragweite

MOmA verbindet auf beispielhafte Weise traditionelle Handschriftenforschung mit modernsten digitalen Methoden. Es eröffnet nicht nur neue Perspektiven für die Osmanistik, die Byzantinistik und die Geschichte Südosteuropas, sondern trägt auch zur Erforschung interreligiöser Beziehungen und rechtlicher Autonomieformen bei.

Vor allem aber ermöglicht es erstmals einen systematischen Zugang zu einem der bedeutendsten, bislang weitgehend unerschlossenen Archivbestände Europas. Dank zahlreicher Dependancen der Athos-Klöster in allen Regionen mit orthodoxen Christen -darunter Kairo, Damaskus, Jerusalem und die frühere osmanische Hauptstadt Istanbul - , umfassen die Athos-Handschriften einen großen Teil des einstigen Osmanischen Reichsgebietes. Einige dieser Niederlassungen reichen sogar bis in die Zeit vor der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 zurück und decken somit  die gesamte bis ins frühe 20. Jahrhundert hineinreichende Dauer der osmanischen Herrschaft ab.

Der Heilige Berg Athos war über ein Jahrtausend hinweg ein Ort der Abgeschiedenheit, des Gebets und der Kontemplation, aber auch des gewissenhaften Hütens jahrhundertalter Kunstgegenstände und schriftlicher Zeugnisse. Mit MOmA beginnt nun ein neues Kapitel: Die Schätze seiner osmanischen Archive werden – behutsam, respektvoll und in enger Abstimmung mit den Klöstern – in ihrem Bestand erfasst und so der internationalen Wissenschaft zugänglich gemacht.

Damit erfüllt sich ein fast hundertjähriger Traum der Erforschung des östlichen Mittelmeerraumes – und ein außergewöhnliches Stück europäischer und nahöstlicher Sozialgeschichte wird in das digitale Zeitalter überführt.


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