Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts taucht der Begriff „atelier“ immer häufiger in französischsprachigen Publikationen auf. Besonders präsent ist er in zwei Debatten: zum einen in Auseinandersetzungen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Klassen, zum anderen in Texten über Künstler:innen und die Räume, in denen sie arbeiten. In beiden Fällen geht es beim „atelier“ um Arbeit. Im 19. Jahrhundert verändert sich diese und mit ihr der Ort, an dem sie stattfindet. Hannah Goetze erforscht am DFK Paris, was passiert, wenn ein „atelier“ nach den Maßstäben der Industrie funktionieren soll.
Im September 1840 erscheint in Paris die erste Ausgabe der Zeitschrift L’Atelier. Über ihre zehn Erscheinungsjahre verfolgt sie die aktuellen politischen Entwicklungen, tritt für ein allgemeines (das heißt hier: männliches) Wahlrecht ein und bringt sich in die in dieser Zeit breit geführte Debatte um die (Neu-)Organisation von Arbeit ein. Dabei betont die Zeitschrift immer wieder ihren Anspruch, den Standpunkt und die Interessen der arbeitenden Klasse zu vertreten.
Masse und Kopflosigkeit
Für Kunst interessieren sich die Autoren von L’Atelier nicht in besonderem Maße. Dennoch geht es in einer frühen Ausgabe im Februar 1841 um ein Gemälde. Der Artikel widmet sich dem Prairialaufstand des Jahres III – und beginnt mit einer Ausschreibung aus dem Jahre 1830. Für die Ausmalung der Abgeordnetenkammer, die den Prairialaufstand zum Thema haben soll, wird ein geeigneter Künstler gesucht. Den Auftrag bekommt Auguste Vinchon: In seinem „Boissy d’Anglas“ [Abb. 1] sitzt der titelgebende Vorsitzende der Assemblée constituante, scheinbar unbewegt, während ihm der abgetrennte Kopf Jean Férauds aufgespießt entgegengehalten wird. Über alle Bildecken hinaus erstreckt sich das Volk, zum Teil mit Stöcken ausgestattet, auf den Köpfen Jakobinermützen. Ihre zu Fratzen verzogenen, wütenden Gesichter stehen im Gegensatz zum ruhigen Ausdruck von Boissy d’Anglas.
(Miss)Repräsentationen der Masse
Dem Auftrag und dem Thema selbst stehen die Autoren in L’Atelier mehr als kritisch gegenüber. Sie sehen hier eine ideale Möglichkeit für die herrschende Klasse, ihre anti-revolutionäre Haltung in Szene zu setzen. Erinnert wird in dem Artikel an den Salon von 1835, in dem das Gemälde ausgestellt wird, und wo der populären Masse auf dem Bild eine bourgeoise Masse vor dem Bild entgegentritt. Der begleitende Text im Livret [Abb. 2+3], in dem das Gemälde unter der Nummer 2137 gelistet wird, wird in L’Atelier in Gänze zitiert. Weder für die textlichen noch die bildliche Wiedergabe der Ereignisse haben die Autoren positive Worte übrig – beides werde dem vermeintlich tatsächlichen Geschehen nicht gerecht: Das Gemälde Vinchons sei eine „mauvaise action“, eine „schlechte Tat“, heißt es, während die Notiz im Livret als „mensonge grossier“, als „grobe Lüge“, bezeichnet wird. Tatsächlich sei es eben der Text, der die Gründe für die Insurrektion verschweigt, der mit schuld daran sei, dass in den auf dem Gemälde dargestellten Proletariat nur eine sture, dumme, gewaltbereite Masse erkannt wird.
Es sind insbesondere solche Darstellungen des Volkes, die in L’Atelier kritisiert werden. Es handele sich um eine „chose convenue“, eine gebräuchliche Sache, unter vielen Künstlern, dass das Volk stets einen „aspect repoussant“, einen „abstoßenden Anblick“ bieten müsse, um (so argumentiert L’Atelier) die aristokratischen Figuren in ein noch besseres Licht zu rücken. Dennoch hoffen die Autoren, dass das Volk eines Tages seine eigenen Künstler haben möge, die dessen rühmliche Taten während der Revolution wiedergeben mögen. Bis dahin bleibt die Kunst zwar im Dienste der Machthabenden – eine Vorstellung davon, wie man selbst sich gerne repräsentiert sehen würde, gibt es jedoch bereits: „Man wird es [das Volk] zwar in seiner glorreichen Armut darstellen können, man wird seinen Zügen durchaus die Leidensspuren von Übernächtigung und Entbehrung geben können; aber man wird wissen, ihm den schönen Ausdruck von Energie, Geduld und Hingabe zu bewahren, von diesem Volk so oft unter Beweis gestellt, sodass man die große revolutionäre Epoche nicht wird studieren können, ohne voller Bewunderung für es zu sein und voller Verachtung für diejenigen, die es beleidigen.“
L’Atelier als Schreib- und Geschichtsprojekt
Um den als fälschlichen, gar als lügenhaft beschriebenen Darstellungen entgegenzuwirken, erzählt der Artikel die Geschichte noch einmal in Gänze, das bedeutet: mit Schilderung der der Insurrektion vorausgehenden Verzweiflung, die als dessen Begründung dient. Es handelt sich um den Versuch einer Richtigstellung der Geschichtsschreibung, insbesondere derer rund um die Französische Revolution. Er ist ein Bemühen um eine korrekte Repräsentation des Geschehenen und um ein Wiederherstellen ihres hauptsächlichen Akteurs: dem Volk selbst. Dass diese Geschichte bislang nicht richtig wiedergegeben wird, liege auch am Blickwinkel, aus dem sie erzählt wird.
Blättert man die zehn Jahre L’Atelier durch, finden sich dort wiederholt Artikel zur Geschichte insbesondere der Französischen Revolution. Gerade die eigene Perspektive, häufig unter der Annahme, das Wort für eine vermeintliche Gesamtheit der arbeitenden Klasse zu ergreifen, wird immer wieder betont und durch das anhaltende Sprechen in der ersten Person Plural unterstrichen. Es sind die Fragen der Repräsentation – einerseits im Sinne des Fürsprechens, wobei gleichzeitig gerade in den politischen Diskursen im Nachgang der Februarrevolution deutlich wird, dass eine wie hier behauptete Einheitlichkeit keineswegs gegeben ist; andererseits die Sehnsucht nach politischer Vertretung in Form von Wahlen –, die meine Auseinandersetzung mit der Zeitschrift leiten. Diese Fragen der Repräsentation führen mich dann weiter zu den Künstler:innenateliers von Paris, wo sie, hier im Sinne möglicher Wiedergaben der Wirklichkeit, wiederum auf andere Art und Weise gestellt werden.
Weitere Beiträge zum Thema "Ungleichheit und soziale Kohäsion"