19:00 Uhr bis 21:00 Uhr / 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr (MESZ)
Dr. Nevin Şahin
„Warum bin ich nach Amerika gekommen?“ klagt Achilleas Poulos in einem seiner Lieder aus den 1920er Jahren – ein Jahrzehnt nach seiner Migration in ein fernes Land voller Hoffnungen, jedoch mit schmerzlicher Sehnsucht nach der alten Heimat. In den 1990er Jahren tauchte diese Frage in der Türkei in neuem Kontext als „Warum bin ich nach Istanbul gekommen?“ wieder auf, blieb jedoch gleichermaßen mit der Erinnerung an eine frühere Heimat verbunden. Ausgehend von dieser Frage begibt sich die Forschung auf eine musiktheoretische Spurensuche über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Untersucht werden die musikalischen Erfahrungen griechischer Migrant*innen in den USA und die Frage, ob ihre Musik weiterhin theoretische Konzepte des byzantinischen Oktōēchos und der osmanischen Makam-Tradition ihrer alten Heimat – der „Polis“ – in sich trägt.
Der Vortrag nimmt das Publikum mit auf eine Forschungsreise von der Ost- zur Westküste der USA, durch Archivarbeit, Konzertbesuche und Interviews mit Musiker*innen. Im Zentrum stehen zwei zeitgenössische Chorwerke: „Heaven and Earth“ von sechs Komponist*innen sowie „İstanbul“ von B. Emre Orhon. Beide Werke verbinden geographische Distanzen durch Istanbuler Melodik und Rhythmik. Neben Einblicken in die Geschichte der griechischen Migration beleuchtet der Vortrag die Rezeption und Wiederbelebung byzantinischer Musiktraditionen im zweiten Jahrhundert der neuen Heimat.
Nevin Şahin ist eine mehrfach ausgezeichnete Forscherin zur Makam-Musik und Assistenzprofessorin für Musiktheorie am Staatlichen Konservatorium der Hacettepe Universität in Ankara. Nach ihrem Studium an der Middle East Technical University war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Orient-Institut Istanbul im Projekt Corpus Musicae Ottomanicae und absolvierte dann ein Postdoc-Forschungsprojekt als Fulbright-Stipendiatin an der Boston University. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in vergleichender Musiktheorie sowie in kompositorischen und aufführungsanalytischen Studien vokaler Musik. Als aktive Sängerin in monophonen Kunstmusik-Ensembles und polyphonen Chören verbindet sie künstlerische Praxis mit wissenschaftlicher Perspektive.
Der Vortrag ist Teil der Musicology Lecture Series, die von Cüneyt Ersin Mıhcı organisiert und kuratiert wird.