Beziehungen über Grenzen: Paare und Familien in der mobilen Moderne

10.-11.12.2015, Workshop, DHI Paris

Veranstaltungsort: Deutsches Historisches Institut Paris, 10.–11. Dezember 2015
Organisation: Dr. Bettina Severin-Barboutie (DHIP/Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Dr. Maren Röger (DHI Warschau), Christoph Lorke (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Grenzen überschreitende Paar- und Familienkonstellationen waren zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte reine Privatsache. Zum einen stellen Ehe und Familie bis heute zentrale rechtliche und soziale Institutionen nationalstaatlich organisierter Gesellschaften dar. Wer wen heiratet und mit wem eine Familie gründet, hängt deshalb immer noch stark von den normativen Rahmungen des einzelnen Landes ab. Zum anderen wurden grenzüberschreitende Paar- und Familienkonstellationen öffentlich wesentlich stärker diskutiert als Beziehungen zwischen Angehörigen ein und desselben Staats. In politischen Krisenzeiten und militärischen Konfliktlagen gerieten solche Beziehungen sogar unter Generalverdacht, wurden kritisiert oder behindert.

Im Workshop »Beziehungen über Grenzen: Paare und Familien in der mobilen Moderne« sollen Formen familiärer Grenzüberschreitungen im 19. und 20. Jahrhundert vorgestellt und erörtert werden. Gefragt werden soll dabei nach der Rolle und Funktion von familiären Nahbeziehungen während des Migrationsprozesses bzw. des Sesshaftwerdens innerhalb der Aufnahmegesellschaft, aber auch nach den Beziehungen zu denjenigen, die nicht mitwanderten, den »Zurückgebliebenen«. Darüber hinaus geht es darum, die Bedeutung normativer Ordnungen, etwa die von Nationalstaaten und Imperien, zu vermessen. Ziel der Veranstaltung ist es, unterschiedliche Perspektiven auf private interkulturelle Vergemeinschaftungen im zeitlichen Längsschnitt zu bündeln und auf dieser Grundlage konzeptionelle Ideen zu ihrer systematischen Historisierung zu entwickeln. 

1.    Rahmungen
Nationalstaatliche Regelungen des Staatsbürger- und Ausländerrechts, Migrationsregime sowie Ein- wie Ausbürgerungspraktiken waren Faktoren, die das Zustandekommen und Leben transnationaler Familien maßgeblich beeinflussten. Ehebeschränkungen oder gar Eheverbote sowie mannigfache weitere familienpolitische und eherechtliche Reglementierungen stellten ernsthafte Barrieren für die Realisierung transnationaler/interkultureller Lebenspläne dar. In welcher Wechselwirkung standen aber individuelle bzw. familiäre Migrationspraktiken zu den institutionellen und juristischen Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene? Gab es Akteure, die diesbezüglich Handlungsstrategien entwickelten und/oder eigen-sinnige Umgangsformen entwickelten? 

2.    Logiken interkultureller Ehe- und Familienwelten
Ein zweiter Schwerpunk wendet sich den Logiken interkultureller Ehe- und Familienwelten zu. Wie liefen Prozesse der interkulturellen Anpassung auf Mikroebene und hinsichtlich unterschiedlicher Dimensionen (Sprache, Erziehung, soziale Praktiken, Symbole, Rituale) konkret ab? Lassen sich aus überlieferten Quellen Rückschlüsse über Aushandlungsprozesse und Konstruktionen neuer (interkultureller?) Lebenswirklichkeiten ableiten? Waren binationale Paare tatsächlich Ausdruck und Ergebnis einer gelungenen Assimilation, wie es in der Forschung gemeinhin angenommen wird? Und nicht zuletzt: Wie wurden transkulturelle Lebensweisen individuell gedeutet oder situativ essentialisiert und welche Rolle spielten bei diesen Reflexionen Gefühle, etwa der Fremdheit, der Identität und Alterität? Ließe sich das Konzept der emotional communities (Barbara H. Rosenwein) möglicherweise um eine transkulturelle Dimension erweitern? 

3.    Repräsentationen
Ein dritter Bereich widmet sich den zeitgenössischen Reaktionen auf interkulturelle Vergemeinschaftungen. Wann wurden diese Lebensformen gesellschaftlich relevantes Thematisierungsobjekt? Welche Konnotationen riefen von Individuen oder Familien symbolisierte Gruppen- und Grenzverletzung hervor? Lassen sich Konjunkturen der Außenwahrnehmung solcher Beziehungen ausmachen? Einen Sonderfall stellen sicherlich Kriegszeiten dar – besonders hier ist das Fortschreiben nationaler Hierarchisierung, ethnischer Aufladungen und imaginierter kultureller Differenzen anzunehmen. Daraus abgeleitet wird außerdem zu diskutieren sein, inwiefern diese Reaktionsmuster die Konstruktion einer gemeinsamen Ehe- bzw. Familienwirklichkeit beeinflussen konnten. Durch eine Einbeziehung und Dekonstruktion von Zeitdiagnosen können Einsichten darüber gewonnen werden, wie Gesellschaft normativ imaginiert und geregelt wurde, aber auch, in welchem Verhältnis die zu historisierenden Vorstellungen mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten standen.

Programm

Blog